Historie

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Curriculum Vitae - Privatdozent Professor Dr. Manes Kartagener

(7. Januar 1892 - 5. August 1975)

Prof. Dr. Manes KartagenerManes Kartagener ist am 7. Januar 1897 in Przemysi (Galizien) als Sohn eines Rabbiners geboren. 1916 - mit 18 Jahren - emigriert er in die Schweiz, besteht 1921 das Eidgenössische Maturitätsexamen, absolviert anschließend sein Medizinstudium an der Universität Zürich, das er im Sommer 1924 mit dem Eidgenössischen Staatsexamen erfolgreich abschließt. Die Studienzeit bedeutet für Manes Kartagener harte, arbeitsreiche Jahre, muss er doch seinen Lebensunterhalt durch Erteilung von Privatunterricht selbst verdienen. Trotz der prekären finanziellen Lage will Kartagener sich eine sorgfältige Weiterausbildung verschaffen. Er wird zunächst Assistent am Pathologisch-Anatomischen Institut Zürich, an der Dermatologischen Klinik Zürich, an der Kinderklinik Zürich und am Physiologisch-Cheminschen Institut Basel (damals unter der Leitung des bekannten Biochemikers Prof. Edelbacher). Die endgültige Ausbildung zum qualifizierten Internisten erhält Kartagener aber an der Medizinischen Poliklinik Zürich, die sowohl in der Organisation wie vor allem auch in der Persönlichkeit des Direktors, Herrn Professor Wilhelm Löffler, seinen Wünschen und Neigungen entsprach.

Zehn Jahre arbeitet Kartagener an der Medizinischen Poliklinik: zunächst zwei Jahre als Assistenzarzt und anschließend acht Jahre als Oberarzt. 1938 verlässt Kartagener den Staatsdienst und eröffnet eine viel gesuchte internmedizinische Praxis, die er während vieler Jahre mit großer Gewissenhaftigkeit führt. Schließlich zwingt ihn eine Polyneuritis, die ärztliche Tätigkeit aufzugeben. Am 5. August 1975 ist Kartagener im 79. Lebensjahr gestorben.

1928 erhält Kartagener das Zürcher Bürgerrecht. Während des Zweiten Weltkrieges leitet er als HD-Arzt die medizinische Abteilung einer Militär-Sanitäts-Anstalt. (HD - Hilfs-Dienst)

1928 verleiht die Medizinische Fakultät der Universität Zürich Kartagener aufgrund seiner Dissertation "Ueber einen Fall von Kankroid der Schilddrüse mit peritheliomartigen Bildern" den Doktortitel. Am 22. August 1935 erhält er die Venia legendi. Seine Habilitationsschrift ist dem Problem der Kongenitalität und der Heredität der Bronchiektasen gewidmet. Am 14. September 1950 wird Kartagener, trotz Widerständen, in Anerkennung seiner qualifizierten wissenschaftlichen Arbeiten und erfolgreicher Dozentur die Titularprofessur verliehen. Am 8. Februar 1962 scheidet Kartagener aus dem Lehrkörper der Medizinischen Fakultät aus.

Kartagener wurde wesentlich geprägt durch seine zehnjährige Tätigkeit als Assistenz- und Oberarzt der Medizinischen Poliklinik Zürich. In seinem hochverehrten Lehrer Professor Wilhelm Löffler hatte er einen idealen Gesprächspartner. Sie führten lange Gespräche im Umgang des ersten Stockwerkes der alten Medizinischen Poliklinik, im sogenannten "polnischen Korridor". Der oft scharfe Baslerwitz von Prof. Löffler erhielt in Kartagener einen gewiegten Kritiker. Kartagener liebte den geschliffenen Dialog, das Bon-mot, aber er ging nie wissenschaftliche Spekulationen ein. Prof. Löffler war keineswegs nur der Gebende und Kartagener der Empfangende, sondern beide Charaktere ergänzten sich auf ideale Weise. Man könnte versucht sein zu sagen, dass Kartagener durch seine kritischen Einwände mitgeholfen hat, entscheidende Arbeiten von Löffler zu gestalten.

Kartagener besaß alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche wissenschaftliche Tätigkeit. Er verfügte über gute Kenntnisse der Biochemie, war ein guter Mathematiker und ein ausgezeichneter Beobachter. Auch nach dem Ausscheiden aus der Meizinischen Poliklinik hat Kartagener nie aufgehört seine Erfahrungen niederzulegen. Sein wissenschaftliches Werk umfasst annähernd fünfzig Arbeiten. Sie beinhalten das ganze Gebiet der internen Medizin, doch sind gewisse Akzentsetzungen nicht zu verkennen. Sie betreffen das Gebiet der Lungentuberkulose, der Bronchiektasen und der Kardiologie. Die restlichen Publikationen sind vorwiegend kasuistische Mitteilungen über problemreiche Beobachtungen, wie sie in großen Polikliniken je und je auftauchen. Ich führe an: "Le pied en lorgnette" bei chronischer Polyarthritis, die "Bedeutung der Erbanlage für die Entstehung erworbener Herzleiden", die extrarenale Azotämie, eine tödliche Trypaflavinvergiftung, die Koronarsklerose, die Spätschäden am Herzen nach elektrischen Unfällen, nach Commotio und Contusio cordis. Seine biochemischen Kenntnisse verwertet Kartagener in einer Studie über die "Wasserstoffionenkonzentration und die Pufferung der Faeces" und zusammen mit H.Fischer in einer Untersuchung des Lipoid- und Calciumstoffwechsels in einem Fall von Hand-Schüller-Christian'scher Krankheit.

Die Arbeiten über Lungentuberkulose sind im Wesentlichen Rechenschaftsberichte über die in den dreißiger und vierziger Jahren von der Medizinischen Poliklinik stark geförderten Reihendurchleuchtungen, die schließlich in der Reihendurchleuchtung der ganzen Armee im Jahre 1943 ihren Abschluss fand.

Das besondere Interesse Kartageners galt aber dem Problem der Entstehung der Bronchiektasen (Ausweitung der Bronchien). Die Bronchiektasen waren vor der Entdeckung des Streptomycins neben der Tuberkulose die häufigste chronische Lungenkrankheit. Die Pathogenese der Bronchiektasen ist ein altes Streitobjekt. Grundsätzlich stehen sich zwei Theorien gegenüber: die Deutung der Bronchiektasen als bronchiale Fehlbildung und die Interpretation als Folgezustand einer erworbenen entzündlichen Bronchialwandschädigung. Der bedeutendste Vertreter der Kongenitalität der Bronchiektasen war Sauerbruch, prominenter Vertreter der bronchitischen Pathogenese der Hamburger Internist und Forscher Ludwig Brauer. Das Problem angeboren oder erworben lässt sich leider durch morphologische Untersuchungen nicht lösen, da die Spätbefunde bei beiden Entstehungsarten dieselben sind. Der Beweis der Kongenitalität der Bronchiektasen ist nur indirekt über Indizien zu führen. Diese Beweisführung kam dem analytischen Denken Kartageners besonders entgegen. Dem Bronchiektasenproblem hat Kartagener mehr als zehn Arbeiten gewidmet, und seine Befunde 1935 in seiner Habilitationsschrift "Über die Kongenitalität und Heredität der Bronchiektasen" zusammengefasst. Wohl die wichtigsten Hinweise der Kongenitalität der Bronchiektasen sind ihr Vorkommen in den asymmetrischen Bronchien und ihre Häufung beim Situs inversus in Kombination mit engen Stirnbeinhöhlen und Polypen der Nasenschleimhaut. In seiner Habilitationsschrift kann Kartagener sieben eigene Beobachtungen von Situs inversus mit Bronchiektasen aufführen, eine große Zahl, wenn man bedenkt, wie selten der Situs inversus ist. Heute hat die Zahl der Mitteilungen über Situs inversus mit Bronchiektasen hundert überschritten. Unter der Bezeichnung "Kartagenersches Syndrom" hat das von Kartagener beschriebene Krankheitsbild weltweite Bestätigung gefunden. Damit ist ein Herzenswunsch von Kartagener in Erfüllung gegangen.

Erwin Dahlinger, 1976